Ernst »Ezi« Willimowski

Ernst Otto Willimowski (manchmal Ernst Wilimowski; polnisch Ernest Wilimowski) wurde als Ernst Otto Prandella am 23. Juni 1916 in Kattowitz, Oberschlesien, damals Deutsches Reich, geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag (Inkrafttreten am 10. Januar 1920) festgelegt, dass in Oberschlesien eine Volksabstimmung über die zukünftige nationale Zugehörigkeit stattfinden sollte. Nachdem der Oberste Rat der Alliierten im Oktober 1921 das Abstimmungsgebiet teilte, fiel das Gebiet um Kattowitz (nun: Katowice) 1922 an Polen. Ernst Willimowski war nun polnischer Staatsbürger.

Bei dem Jungen zeigte sich schon bald großes Fußballtalent. Er begann seine Fußballlaufbahn 1927 als Spieler beim FC Kattowitz, dem Verein der deutschen Minderheit in Katowice. Nach dem Abstieg des Vereins in die Zweite Liga wechselte er zu dem polnischen Spitzenclub Ruch Wielkie Hajduk (ab 1939: Chorzów) und errang 1934, 1935, 1936 und 1938 die polnische Fußballmeisterschaft. In 86 Spielen für Ruch schoss er 112 Tore, 1934 und 1936 war er Torschützenkönig in der ersten polnischen Liga. Am 21. Mai 1934 debütierte er als Ernest Wilimowski in der polnischen Nationalmannschaft, für die er insgesamt 22 Spiele absolvierte und insgesamt 21 Tore erzielte.

Bei einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland am 9. September 1934 in Warschau (Endstand 2:5) erzielte er den zwischenzeitlichen 1:1 Ausgleich für Polen. Zu internationalem Ruhm gelangte er bei der Fußballweltmeisterschaft 1938 in Frankreich, als er im Achtelfinalspiel bei der 5:6-Niederlage nach Verlängerung gegen Brasilien vier Tore erzielte. – Er war damit der erste Spieler, dem vier Tore in einem WM-Spiel gelangen.
Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erhielt Wilimowski einen Einberufungsbefehl zur polnischen Armee. Er versteckt sich, tauchte in den ersten Septembertagen wieder auf und heiratet kurz darauf. Der neue NSDAP-Kreisleiter Georg Joschke versuchte inzwischen, den 1. FC Kattowitz zu einem deutschen Vorzeigeclub aufzubauen und holte »Ezi« – wie die Fans ihn nannten – nach Kattowitz zurück. Er machte ein paar Spiele – eher lustlos – und setzte sich dann nach Chemnitz ab. Joschke versuchte dies vergeblich zu verhindern. Für die Nazi-Propaganda wollte sich der Spieler nicht vereinnahmen lassen. Die Eintragung in die deutsche Volksliste sicherte ihm jedoch die persönliche und fußballerische Zukunft.

Aus Ernest wurde kurzerhand Ernst, aus Wilimowski ein Willimowski. Im Januar 1940 trat er bereits wieder sehr erfolgreich für den Fußballclub »Polizei SV Chemnitz« in der Gauliga Sachsen auf. Offensichtlich hing das damit zusammen, dass er bei der Ordnungspolizei in Chemnitz Dienst leistete. Reichstrainer Josef »Sepp« Herberger nominierte den ehemaligen Oberschlesier für das Länderspiel am 1. Juni 1941 gegen Rumänien. Anstelle des polnischen Roten Adlers auf der Brust trug er nun den Schwarzen Adler mit Hakenkreuz auf dem Trikot und erzielte beim 4:1 gleich zwei Tore. Insgesamt absolvierte er bis zum 22. November 1942 – der Einstellung des Länderspielbetriebes – noch sieben Länderspiele für die deutsche Fußballnationalmannschaft und erzielte dabei 13 Tore – die beste Trefferquote, die jemals ein deutscher Nationalspieler erreichte.

Im Sommer 1942 wechselte »Ezi« zum TSV München von 1860. Das erste Spiel für die Löwen absolvierte er im Deutschen Pokal, dem sogenannten „Tschammer-Pokal“ (benannt nach dem Reichssportführer Hans Tschammer von Osten) am 21. Juni in Fürstenfeldbruck gegen den dortigen Luftwaffen-Sportverein (LSV). Beim 15:1-Pokalsieg gegen den SS-Straßburg am 30. August 1942 schoß er sieben Tore. Es folgten weitere Pokalsiege und am 15. November 1942 stand er mit den Löwen im Berliner Olympiastadion im deutschen Pokalfinale gegen Schalke 04. »Ezi« erzielte in der 80. Minute die 1:0-Führung. Am Ende stand es nach einem Tor von Engelbert Schmidhuber 2:0 für die Löwen, die damit ihre erste nationale Trophäe errangen.
Fußballerisch war der Rothaarige mit den Sommersprossen und den markanten Segelohren ein feiner Techniker, der seine Gegenspieler reihenweise mit Körperdrehungen oder Täuschungen narrte und dann entweder hart mit Rechts oder gefühlvoll mit Links einnetzte. Kopfbälle vermied er.

Seit 1942 musste Willimowski Wehrdienst leisten. Teilweise gehörte er dem Jagdgeschwader von Hermann Graf an, der um sich eine sehr spielstarke Soldatenmannschaft, die »Roten Jäger«, aufgebaut hatte und damit half, Nationalspieler vom Fronteinsatz fernzuhalten. Aufgrund seines Wehrdienstes konnte Willimowski nur sporadisch an den Spielen des TSV 1860 teilnehmen. In der Saison 1942/43 in der nun auf Südbayern reduzierten Ersten Liga ist er nur in fünf von 18 Spielen als Spieler nachweisbar. Zuletzt meldete die Lokalpresse seine Teilnahme am Freundschaftsspiel gegen Schalke 04 am 3. Januar 1943 in Köln. Die Pokalrevanche endete vor 50.000 Zuschauern torlos 0:0 – Eines der wenigen Spiele, in denen »Ezi« kein Torerfolg gelang. Wenige Tage zuvor hatte er beim 4:0 Erfolg über den FC Bayern noch zwei Tore beigesteuert. Wie lange er noch bei den Löwen zumindest mittrainierte, ist nicht bekannt. Im Dezember 1943 spielte er nachweislich für den Militärclub LSV Mölders Krakau, zu Jahresbeginn 1944 beim 1. FC Kattowitz und im Sommer desselben Jahres, nach einer Versetzung nach Karlsruhe, beim ruhmreichen Karlsruher FV in der Gauliga Baden.

Nach 1945 blieb Willimowski in Deutschland, weil ihm die Rückkehr in seine frühere Heimat verwehrt war. Er hatte für die Deutschen gespielt. Ihm drohten Strafen der kommunistischen Regierung wegen Kollaboration mit den verhassten Deutschen. Man strich ihn aus den polnischen Fußballstatistiken. Die Tore gegen Brasilien hatte einfach ein anderer erzielt. Willimowski selbst sah seinen Wechsel vom 1. FC Kattowitz zum Ruch Wielkie Hajduki und später von der polnischen zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft nie als eine nationale oder ideologische Parteinahme für eine der beiden Seiten. Er wollte nur Fußball spielen und hielt sich Zeit seines Lebens aus allen Debatten über deutsch-polnische Spannungen und Konflikte vorsichtig heraus.

Ernst Willimowski führte nach Kriegsende ein unstetes Wanderleben zwischen Ost- und Westzone. Im Jahr 1948 blieb er endgültig im Westen und spielte erfolgreich für höherklassige Vereine, u. a. für den BC Augsburg (1948/49), den Offenburger FV (1949/50) und in der Oberliga Südwest für den VfR Kaiserslautern, für den er von 1951 bis 1955 in 90 Ligaspielen 70 Tore erzielte. Willimowski war immer noch ein deutscher Fußballstar, in die deutsche Nationalmannschaft berief ihn Herberger jedoch nicht mehr. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Trainer, als Gastronom in Offenburg oder als Angestellter der Pfaff-Werke in Karlsruhe. Am 30. August 1997 ist er in Karlsruhe verstorben. Seine Tochter Sylvia hat später über ihn gesagt: »Er hat sich nie viel aus Nationalitäten gemacht. Er war mal der Pole, mal Deutscher, so wie er am besten durchkam.«

Insgesamt soll Willimowski im Laufe seiner Karriere mindestens 1.175 Tore erzielt haben. Die englische Website »Best Goalscorers All-Time (Official Matches)« listet ihn an 15. Stelle mit 683 Treffern noch vor Robert Lewandowski (612; Stand Juni 2022). Ernst Willimowski ist der einzige Spieler, der als Torschütze sowohl gegen Deutschland als auch für Deutschland erfolgreich war. Der polnische Fußballverband ehrte ihn später mit einer Verdienstmedaille und nahm »Ezi« in die polnische Hall of Fame auf. Zu seinem 105. Geburtstag im Jahr 2021 haben Fans von Ruch Chorzow sein Grab in Karlsruhe besucht.

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